Sonntag, 21. April 2013
sanft surrende Begleiter
Kühlschranktüren geben viel Information über die Benutzer_innen des
Kühlschranks. Ist sie einfach ganz unbeklebt/unbeschriftet/unmagnetet?
Ist sie aus Edelstahl? Sind darauf Generationen von Fingerdapsern zu
sehen, oder ist sie klinisch rein? Sagt das was aus? Ist sie einfach dreckig? Kleben kitschige
Urlaubssouveniermagneten dran? Sind damit
Hochzeitseinladungen/ Kinderzeichungen/ Babyfotos festgemacht? Ist das
abschreckend? Notizzettel? Einkaufslisten? Nahrungsmitteltabellen? Ubahnfahrpläne?
Drohungen an die essenklauenden Mitwohnenden? Sticker? Tags/Sprüche mit
Edding/Marker? Flaschenöffner, festgemacht mit einer Schnur? Warnhinweise zur Benutzung jegleicher Art, unleserlich geschrieben mit einem schon etwas leeren Filzstift, festgemacht mit asymetrischen, unaunsgewogen verteilten Klebebandstreifen?
Sonntag, 14. April 2013
Junge oder Mädchen?
Anlässlich des 1. Geburtstages eines hochgeschätzten Menschens begebe ich mich in eine für mich relativ fremde Welt, die Welt der Spielzeuge, bunten Sachen, Mini-Klamotten, Bücher mit vielen Bildern und wenig Schrift. Eine Welt, die mir vertraut war und nun fremd geworden ist. Ich suche, auf Anregung, nach Küchenspielzeug. Ich lasse mich beraten und so überfällt mich der fremden Umgebung alsbald eine leider sehr vertraute Haltung.
"Ja, das hier ist ganz toll. Das sieht sehr echt aus, das ist Ihnen wichtig, und mit dem kleinen Töpfchen kann Sie dann nachmachen, was sie bei ihrer Mutter sieht."
Aha. Was Sie bei ihrer Mutter sieht. Der Fall scheint klar zu sein. Kleine Töpfe und Holzgemüse, das muss für ein Mädchen sein. Und in der Küche steht sicherlich die Mutter. Wenn ich gefragt hätte, was ich denn einem einjährigen Kind schenken könnte, wäre die Antwort sicherlich "Junge oder Mädchen?" gewesen.
Wenn so ein frischer Mensch bereits permanent mit einem solch binären und festgelegten Denkmuster beschallt wird, wie soll er sich denn daraus vernünftig befreien können? Ich denke, mit 26 Jahren, nun sehr viel über diese Sache nach und weiß, dass ich weit davon entfernt bin, vernünfig beurteilen zu können, ob ich tue, was ich tue, weil ich es will, oder weil ich es so gelernt habe. Rasiere ich mir die Beine, weil ich es tatsächlich schöner finde? Habe ich lange Haare, weil sie mir besser stehen? Wenigstens die Frage, warum ich nicht einfach mein T-Shirt ausziehe, ist klar. Ich würde mich ausgesaugt fühlen, von den Blicken. Deshalb habe ich mich, als mir meine Brüste gewachsen sind, zunächst widerwillig dafür entschieden, nun doch ein Mädchen zu sein. Zuvor wäre ich sehr gerne ein Junge gewesen. Vielleicht war ich einer. Vielleicht bin ich jetzt gar keine Frau. Ich dachte, ich müsste mich entscheiden, weil die Gesellschaft denkt, ich müsste mich entscheiden.
Lieber N., vielleicht hast du mal die Freiheit, zu entscheiden, wer du sein willst, nicht was. Ich werde versuchen, dir dabei zu helfen. Wenn du ein Junge sein willst, freue ich mich, wenn du ein Mädchen sein willst, auch, und wenn du jemand ganz anderes sein willst, genauso sehr. Wenn du möchtest, werde ich dir helfen, dir Flügel zu basteln, und hoffe, dass sie dich durch ein selbstbestimmtes Leben tragen. Zurzeit scheinst du ein kleiner Junge zu sein, der sich ziemlich darüber gefreut hat, mit Holzgemüse um sich zu werfen. Das ist ok, ich hätte auch mehr Lust, Tomaten zu werfen, als sie zu kochen. Aber vielleicht bringst du mir genau das eines Tages bei?
Dienstag, 26. März 2013
Ibuprofenparty
Ich stehe in meiner ermüdend chaotischen Küche und schmiere mir in Ermangelung eines sauberen Messers mit der Rückseite eines Teelöffels etwas Magerine auf zwei Scheiben Brot, unterbrochen von in meinen Augen dramatisch klingenden Hustensalven. Als mir bewusst wird, dass der Löffel spätestens bei der Aufgabe des Käseschneidens versagen wird, suche ich mir doch noch ein möglichst sauberes Messer und ärgere mich über die Tatsache, dass ich offensichtlich nicht in der Lage bin, fünf Sekunden weiter als bis zum nächsten Handgriff zu denken. Aber kein Wunder, mein Kopf fühlt sich an, als sei er mit klebrignassen Sägespänen gefüllt, meine Nase scheint von 30 Ameisen bewohnt zu sein und mein Hals benimmt sich, als hätte ich eine Drahtbürste verschluckt. Das ist so ermüdend.... Den ganzen Winter habe ich mich geschickt durch die Wellen an schniefenden, rotzenden und keuchenden Gestalten manövriert und jetzt hats mich doch noch erwischt. Und es ist wie immer nervtötend, langweilig und erstaunlich schlechtfühlend...das ist doch nur ne Erkältung! Fühlen sich Erkältungen wirklich sooo scheiße an? Ich sollte mich nicht so anstellen, auf der Skala der Krankheiten von Ok-naja bis Schrecklichst ist das höchstens ein Mückenstich. Ich lehne zur Rationalisierung meiner hypochondrischen Gedanken den Kopf einen Moment an die kühle Metallwand der Gastherme und sinne darüber nach, welches Bild ich, schalvermummt, in Jogginghose, einem Kindheitspulli und kältebedingt warmen Winterstiefeln innmitten meiner vollgeschirrten Küche wohl abgebe. Die Käserinde findet ihren vorläufigen Aufenthaltsort in einem leeren
Joghurtbecher, da der Mülleimer so voll ist, dass die Hinzugabe eines
einzigen Stücks Käserinde wohl einen ähnlichen Effekt hätte wie das
Minzblättchen auf den vollgefressenden Typen bei Monty Python. Ich schlurfe in mein Zimmer, verheddere mich in einer tückisch-fangarmigen Strumpfhose und rette mich in mein von Hustenbonbons, Taschentüchern und verwurschtelten Decken belagertes Bett. Als ich kurz nach meinem ersten Bissen kräftig und schmerzhaft niesen muss, überkommt mich eine für meinen maladen Zustand erstaunlich starke Wut. Mit Bröseln im Mund niesen!! Das geht irgendwie zu weit. Leider glaube ich an kein höheres Wesen, dem ich meinen Unmut über dieses von mir als Übertreibung empfundene Geschehnis anlassten könnte. So esse ich einfach weiter und nehme mir fest vor, an der Erfindung eines Nies-Seismographen zu arbeiten.
Samstag, 23. März 2013
Kompliziert Schimpfen leicht gemacht
Die ham doch nen Knall! Samstag morgen anfangen zu Bohren! Samstag morgen möchte ich bitte in Ruhe gelassen werden, egal ob ich krank bin oder verkatert! Ihr...!
Beim Versuch, ein geeignetes Schimpfwort zu finden, gerate ich in Gedankenstocken, was besonders in einem Moment des Fluchbedürfnisses kein schönes Gefühl ist. Fluchen ist ein Grundbedürfnis, es ist elementar! Ich möchte nicht wissen, wie viele automatisierte, zur strebsamen Hektik gezwungene Robotermenschen einfach einen Kurzschluss bekämen, könnten sie aus irgendeinem Grund ihrem Ärger plötzlich keine Luft mehr verschaffen. Oder doch? Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich die Idee eigentlich ziemlich lustig. Auf dem Weg zur Arbeit, ein Blick auf die Uhr, "VERDA"...TZACK..piu...kkkrrrrrrccchhhh.. sie laufen noch ein bisschen weiter und bleiben schließlich mit leerem Blick auf der Straße stehen. Bis die wieder in Gang gesetzt sind, das dauert!
Könnte das potentielle Unvermögen zu Fluchen letztendlich sogar dem Widerstand gegen den Kapitalismus dienen? Das würde meinem ursprünglichen Gedanken ja ziemlich im Wege stehen, "VERDA!...mmt?"...puh, nix passiert.
Andererseits...auch die kleinen Sand-ins-Getriebe-Menschen wären so in ihrem Handeln ziemlich eingeschränkt. Ist ersteinmal das Bewusstsein erlangt, was denn in dieser Welt so alles schiefhängt, ist es leider sehr schwierig, aus dem Ärgern über eigentlich fast Alles wieder hinauszukommen. Ordentlich Fluchen muss da schon sein, sonst können wir das mit dem Protest gleich völlig vergessen. Und wie ich ja schon sagte, Fluchen ist ein Grundbedürfnis, es ist wichtig (wenn zugegebendermaßen auch nicht ganz so bedeutend wie die für Millionen von Menschen nicht verfügbaren Grundbedürfnisse nach Wasser, Nahrung und Schutz!). Wenn einige Menschen diese Fähigkeit zu Fluchen selbstkasteiisch nicht in Anspruch nehmen, sei es aus religiösen oder sittlichen Gründen, ist ihnen natürlich auch nicht zu helfen. Ich kann sie dann nur bedauern, verwundert den Kopf schütteln und schimpfend meines Weges gehen.
Allerdings ist das Fluchen für einen gedanklich wachen Menschen kein einfaches Unterfangen, was mir besagtes Gedankenstocken überhaupt erst einbrachte. Das Schimpfen richtet sich oft gegen eine bestimmte Person, die mit einem verunglimpfenden Wortschwall überschüttet werden soll. Dabei sind starke Emotionen vorhanden, die ein schnelles Handeln erfordern, was zu Unachtsamkeit hinsichtlich der Wortwahl führen kann. Es gibt ein bestimmtes, gesellschaftlich geprägtes Repertoire an Ausdrücken, von denen jeweils die scheinbar passenden ausgewählt und dem Gegenüber oder der ärgerlichen Tatsache an sich an den Kopf geschleudert werden. Die besonderen, in diesem Moment ärgerlichen Tatsachen nicht mit allgemeinen Vorurteilen über eine bestimmte Personengruppe zu vermischen, ist eine Leistung, an der die gesellschaftliche Prägung leider grandios scheitert...wer hätte das gedacht?
Allein schon, jemanden als "Depp", "Idiot" oder, verstärkt, "Vollidiot" zu bezeichnen, kann bei näherer Betrachtung nicht befriedigend sein, denn sie suggeriert, dass weniger intelligente Menschen schlechter seien als mit flexiblem Denken ausgestattete. Ähnlich verhält es sich mit "Penner"...Neben ganz offensichtlich rassistischen, menschenverachtenden und sexistischen Ausdrücken, die ich an dieser Stelle nicht erwähne, ist auch das negative "dämlich" und das postive "herrlich" alles andere als emanzipatorisch, ganz zu schweigen von der unglaublich gebräuchlichen Redewendung "den Arsch offen haben", die verdammt homophob ist, was mir erstaunlich spät klargeworden ist. Ich hoffe, der Ursprung des wunderbaren Ausdrucks "Arschloch!" hat damit rein gar nichts zu tun, sonst droht bei mir wahrscheinlich auch bald ein Kurzschluss.
"Schwein"? Hm, ich esse Schweine, und auch andere Viecher nicht, weil ich sie als fühlende, intelligente Lebewesen betrachte, und trotzdem diffamiere ich sie regelmäßig verbal. Oh oh, so betrachtet sehr speziezistisch, eigentlich...
Übrigens, selbstredend, warum "schwul" oder "behindert" in weiten Kreisen der Bevölkerung als adäquate Adjektive gelten, um eine negative Tatsache zu betonen, geht auch nicht in meinen Kopf, verdammt! ...verdammt? Das hat doch irgendwas mit Teufel, Gott und Religion zu tun? Davon darf ich mich jetzt nicht beeindrucken lassen, verdammte Scheiße!...Ja, Scheiße, du bist zwar auch nur ein wertvoller, notwendiger Teil unseres Verdauungs- und damit Lebensvorganges, aber bitte, irgendwas muss mir doch noch bleiben! Shitige Dreckskacke! Die merkts wenigstens nicht, wenn ich sie beleidige.
Was bleibt noch zu sagen...mein Ärger ist verraucht, an seine Stelle ist Grübeln getreten. Ich weiß, ich bin eine schreckliche Spielverderberin. Aber irgendwie macht das auch Spaß. Was gibt es schöneres, als sich neue, menschenfreundliche trotz menschenfeinliche Schimpfwörter ausdenken...und bis mir die einfallen, immer dran denken: "Sexistische Kackscheiße" ist einer der schönsten Ausdrücke, die ich kenne. Nur eben leider nicht auf Menschen anzuwenden, die mich morgens mit Gebohre aus dem Schlaf reißen. Die sind einfach nur......!!!
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